Das satte Volk und seine Wahl
Timur und sein Trupp schrieb's. Am 29. September 2009 um 21:14 Uhr.Ich selbst habe eine gewisse Abneigung zu der Form von Wahlkämpfen, wie sie in der Bundesrepublik geführt werden. Mein Sohn (fast 11) schrieb heute in sein Tagebuch: „Mama und Papa wählen nur Leute, die der Partei ‚die Linke’ angehören. Warum nur? Sind wir Menschen nicht alle gleich?! Ich glaube man braucht gar keine SPD, CDU, die Linke, die Grünen usw.“ Das ließ mich nachdenken, denn er hat aus Sicht eines Kindes Recht. Jedoch sind die Realitäten andere und er spürt es auch in seiner Klasse, wenn dort der Neffe eines CDU-Kandidaten sitzt, der ausschließlich darüber definiert wird, weil er derjenige welcher ist. Veränderungen in diesem Land gehen z.Z. nur über die Einflussnahme von politischen Parteien. Die Mitglieder wiederum machen insgesamt nur ca. 2 Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Rechnet man diese von der Wahlbeteiligung ab, dann haben sich immerhin noch 70 % auf den Weg ins Wahllokal gemacht. In anderen Ländern, wo die Demokratie auf der Kippe steht, wie in Afghanistan gehen die Menschen trotz Bombenterror zur Wahl, um ihre Stimme abgeben zu können. Wir in Deutschland schaffen es aber nicht, das satteste Volk der Welt davon zu überzeugen, dass die Wahl nicht nur das Kreuz in einem blauen und schwarzen Kringel bedeutet. Also waren die 2 Prozent der Bevölkerung und dazu zählen ich auch uns Linke, nicht überzeugend genug, um Menschen, die zu satt sind, um sich um ihre Zukunft Gedanken zu machen, zu einer Entscheidung für das Wohl eines ganzen Volkes zu bewegen. Ja, wir haben als Linke gut – aber nur gut – abgeschnitten. Darauf können alle stolz sein, die Plakate geklebt, Infostände betreut und Infomaterial verteilt haben, die vor Rechner gesessen haben und das Web flott aufmischten, die sich vor die Kameras, Mikrofone und Notizblöcke stellten und diese knapp 12 Prozent für die Linke erstritten. Auch gut, dass ultrarechtes Gedankengut zumindest in dem Bundesparlament und auch in meiner alten Heimat Brandenburg keinen Parlamentsplatz gefunden hat. Doch wir haben eines nicht verhindern können, dass es eine Weiterführung der sozialen Abwärtsspirale als Politik des Landes geben wird. Von der Warte her könnte ich mutmaßen, dass viele bedruckte Papiere, viele digitale Speicherplätze und noch mehr graue Gehirnzellen am Ziel vorbei „vergeudet“ wurden. Die gute Vorortarbeit der Linken und ihrer Sympathisanten, die selbst von der CDU und der SPD nicht in Abrede gestellt wird und eher noch beneidet wird, weil man selbst oft nur die Nadelstreifenanzügeträger in den eigenen Reihen weiß, wurde wieder einmal nicht honoriert. Ich wage zu behaupten, dass nicht einmal viele Menschen, die von den staatlichen Hilfsmitteln leben und in den „Genuss“ gekommen sind, immer weniger in der Tasche zu haben, die Linke wählten, weil sie eine Verbesserung herbeisehnen. Allein in der Gruppe der alleinstehenden Mütter, der großen Gruppe von Arbeitslosen, den Familien, die keinen Krippen- bzw. Kitaplatz bekommen können, der immer mehr anwachsenden Gruppe von Familien, die ihre Kinder in Berlin und anderswo in die Archen zum Essen, Hausaufgaben machen und Spielen schicken und schicken müssen, der Gruppe der Rentner … hätte ein wahnsinniges Wählerpotenzial für einen Neuanfang in dieser Bundesrepublik Deutschland gesteckt. Auch wir haben sie nicht aus dem Dornröschenschlaf wecken können. Sie habe genommen, wenn die Linke etwas wie das Sozialticket in Leipzig erreicht hat, sie haben zugesehen, wenn die Linke für eine Aufstockung der Regelsätze für Hartz IV aufgerufen hat, sie schaut mit Häme zu, wie auch im Westen der Republik Arbeitsplätze (NOKIA) massenweise abgebaut werden. Es sind nur noch Randnotizen, wenn Bundeswehrsoldaten getötet oder verletzt werden oder wenn über 70 Prozent der Rückkehrer mit psychischen Dauerschäden als Folge des Krieges in Afghanistan oder auf dem Balkan ihr Leben weiterleben müssen. Die Nachrichten verkünden ohne Widerhall des Wahlvolkes, dass wieder mehr als 100 Menschen bei einem Bombenanschlag getötet wurden. Das alles und mehr berührt das DEUTSCHE VOLK nicht mehr. WARUM?
Ziel wird es sein und da schließe ich mich (wie siehe oben schon selbst beklagt) ein, dass wir die nächsten vier Jahre nicht den anstehenden weiteren Sozialabbau beklagen und á la Wahlplakate immer eine „Gegen“-Kampagne starten. Sondern wir müssen konsequent die öffentlichen Thesen der Regierenden aufgreifen und mit eigenen, nicht populistischen, sondern realistischen Vorschlägen untermauern, um die geltende Staatsmeinung ad absurdum zu führen. Bieten wir den regierenden Parteien unsere Mitarbeit an und stellen Opposition mal auf den Kopf. Wir müssen doch nicht „JA“ sagen zu den Entscheidungen, aber wir sollten den Menschen besser als in den letzten Jahren mitteilen, wie die Linke auf Entscheidungen eingewirkt hat, dass sie „Schlimmeres“ verhindern konnte. Dazu bedarf es einer breiteren und verständlicheren Öffentlichkeitsarbeit in der Qualität. Weg mit viel bedruckten Flyern und Plakaten, hin zu interessanten und lesenswerten Zeitungen und Zeitschriften, hin zum noch besseren Internet mit Plattformen, die auch den politischen Gegner mehr einladen zum Diskutieren bei uns, zur Auseinadersetzung mit Ideen - die Talkshow im Netz. Hin zu mehr eigenen oder nahestehenden Medien, die über uns und unsere Arbeit kritisch berichten, die aufzeigen, wie wir um jede Meinung und damit um jede Verbesserung untereinander und mit den politischen Freunden und den politischen Gegner streiten. Aber, trotz Verständlichkeit, sollte alles auf einem hohen geistigen Niveau gestaltet werden. Denn wer sich Fortschritt in der Bildung auf die roten Fahnen schreibt, muss als Vorbild wirken.
Vielleicht durchblicke ich noch nicht alles, was getan wurde. Aber, wenn es mehr gab, so hat es mich nicht erreicht und viele andere auch nicht! Oder? Es ist sicherlich eine sehr gewagte Sicht auf das Wahlergebnis und auch vielleicht unfair, da ich mich nicht konkret innerhalb der Partei am Wahlkampf beteiligt habe. Ich habe sicherlich an meinem Arbeitsplatz sehr viel dafür gesorgt, dass Menschen einander verstehen, einander respektieren, miteinander reden und zuhören. Das sind für mich Anfänge von Veränderung! Miteinander, auch wenn die Meinung des Anderen uns nicht gefällt, aber vielleicht überzeugen wir unser Gegenüber, wenn wir versuchen zu verstehen, warum er so denkt und können dann aus dieser Erkenntnis heraus, diesen einen Menschen oder viele in einem Kompromiss aus seiner Sicht und unserer Sicht zu einem neuen und gemeinsamen Weg gewinnen. Das, was sicherlich an der Basis im Alltag geübt und gelebt wird, sollte sich auf die große Politik übertragen.