Denkanstoß des Tages – Kinder sind kein Sparmodell

Protestplakate einer Leipziger Demonstration gegen Kürzungen im Kita-Bereich – mit der Botschaft: „Unsere Kinder sind keine Sparmaßnahme“.
Protestplakate einer Leipziger Demonstration gegen Kürzungen im Kita-Bereich – mit der Botschaft: „Unsere Kinder sind keine Sparmaßnahme“.

Demonstration in Leipzig: Wenn Kinder zum Spielball der Haushaltslogik werden

Es weht ein scharfer Wind und es ist mit einem Mal kälter geworden. Und doch stehen gut 1000 Menschen an diesem Mittwochnachmittag vor dem neuen Leipziger Rathaus. Kleine und große Menschen. Schon etwas wärmer angezogen. Nicht hier, um sich das Bauwerk von 1912 anzuschauen. Nein, sie rufen, trällern, pfeifen und halten verschiedene Plakate, Banner und selbst gemalte Schilder in Richtung Amtssitz des Oberbürgermeisters der Messe- und Universitätsstadt. Der schärfere Wind blies sinnbildlich das politische Klima den Menschen ins Gesicht blies. Sie protestierten gegen eine Entscheidung, die das Fundament unserer Gesellschaft betrifft: die Zukunft der Kinder. „Finger weg von unseren Kindern“, stand auf einem Pappschild, bunt geschrieben. Getragen von Kindergruppen in Warnwesten, Eltern, Großeltern, Erzieher:innen. Ein Bild der Solidarität. Und doch ein Bild der Schwäche. Man muss es ins Verhältnis setzen.

Die Zahlen sind erdrückend: In Leipzig werden über 41.000 Kinder in rund 470 Einrichtungen betreut, von 7.000 pädagogischen Fachkräften. Diese Zahlen spiegeln den Stand vom März 2024 wider und stammen aus der amtlichen Statistik des Freistaates Sachsen sowie dem Open Data-Portal der Stadt Leipzig. Warum standen also nicht mehrere tausend Menschen auf dem Platz vor dem Rathaus? Pädagog:innen, Eltern und Großeltern, Freunde, Kinder- und Jugendhilfearbeit:innen, alle, denen Kinder am Herzen liegen.

Ein Teil der Antwort liegt in der Einschüchterung mancher Träger – kirchliche und die nicht betroffenen kommunalen Einrichtungen –, die ihren Angestellten Protest untersagten. Ein anderer liegt in der Resignation: Viele haben das Vertrauen verloren, dass politische Entscheidungen überhaupt noch im Interesse der Menschen getroffen werden. Andere wiederum kümmert es nicht, was da passiert. Sie fühlen sich sicher oder glauben, dass die anderen es schon machen würden. Gleichgültigkeit vor Solidarität.

Sparpolitik auf dem Rücken der Kinder

Der Anlass für Demo ist schnell erklärt und bleibt dennoch unverständlich: Die Stadt Leipzig kündigte form- und fristgerecht zum 31. Dezember 2025 die Grundsatzvereinbarungen mit den freien Kita-Trägern. Die Kündigung kam überraschend, obwohl seit 1,5 Jahren eine Verhandlungsgruppe zwischen Jugendamt und freien Trägern an einer neuen Vereinbarung arbeitete. Das gemeinsame Verständnis: keine Kündigung aussprechen, bevor eine neue Lösung gefunden ist. Offiziell heißt es aus dem Rathaus: Haushaltskonsolidierung. Die Landesdirektion verlangt weitere Sparmaßnahmen. Die Stadt will neue Verträge mit reduzierten Kosten, insbesondere durch eine Spitzkostenabrechnung des Personals, was laut interner Schätzung rund 1,5 Millionen Euro einsparen soll. Das heißt im kommunalen Verwaltungssprech: neue Verträge, niedrigere Kosten, Einsparungen von 1,5 Millionen Euro durch Spitzkostenabrechnung beim Personal. 1,5 Millionen – in einem Haushalt von über 2 Milliarden Euro. Das sind 0,075 Prozent.

Solche Zahlen offenbaren die Absurdität. Wer 0,075 Prozent einspart, indem er die Arbeit an den Jüngsten verschlechtert, zeigt, wie sehr Politik im kapitalistischen Tunnelblick gefangen ist. Denn gespart wird nicht bei Prestigeprojekten, nicht bei überdimensionierten Verwaltungsapparaten, nicht bei Subventionen für Unternehmen. Gespart wird dort, wo die Lobby schwach ist: bei Kindern, Eltern, pädagogischem Personal. Das klingt sehr nach der bundesweiten Diskussion um die Einsparungen beim Bürgergeld.

Die Gerechtigkeitsfrage: Elternbeiträge und ihre Grenzen

Es ist richtig, dass Elternbeiträge nicht leichtfertig erhöht werden dürfen. Kindheit muss für alle unabhängig vom Einkommen zugänglich sein. Doch die Entscheidung, Beiträge schlicht einzufrieren und die entstehende Lücke bei den Fachkräften und Einrichtungen abzuladen, stieß auf Ablehnung bei den Trägern und ihren Mitarbieter:innen. Es sei keine soziale Gerechtigkeit, sondern eine Scheinlösung. Gerecht wäre jedoch ein Modell, das Beiträge sozial staffelt – damit Besserverdienende mehr tragen und einkommensschwache Familien entlastet werden. Oder besser sogar, dass die Entwicklung der Kinder kein Diskussionsgegenstand für Haushälter sein dürfte. Der Sockelbetrag von Kommunen muss für einen kostenfreien Besuch der Kindereinrichtungen im Haushalt als wichtigen Bestandteil der Daseinsvorsorge eingestellt werden.

Anstatt gerechte Lösungen zu entwickeln, versteckt sich die Kommunalpolitik hinter kurzfristigen Entlastungsgesten, die im Kern unsozial sind: Sie verschieben die Lasten von den Eltern direkt zu den Trägern und ihren Fachkräften und gefährden so die Qualität der Betreuung. Am Ende leiden alle Kinder, unabhängig vom Einkommen ihrer Eltern.

Strukturelle Sackgasse: Bund, Länder, Kommunen

Das Problem reicht weit über Leipzig hinaus. Kommunen in Deutschland stehen in einem strukturellen Korsett, das ihnen bei steigenden Sozialausgaben kaum eigene Einnahmequellen lässt. Während Bund und Länder über große Steuerströme verfügen, bleiben Städte und Gemeinden auf dem letzten Glied der Kette sitzen. Sie sollen die Daseinsvorsorge sichern – Kitas, Jugendhilfe, Pflege … – ohne stabile und planbare Finanzierung.

Dieses Ungleichgewicht ist nicht zufällig, sondern systemisch: Im kapitalistischen Denken wird Daseinsvorsorge wie ein Kostenfaktor behandelt, nicht wie ein Grundrecht. Kommunen werden gezwungen, mit Kürzungen zu jonglieren. Dabei kommen solchen marginalen Einsparungsszenarien, die über die Kinder- und Jugendarbeit hinausgeht und auch den Kulturbetrieb hart trifft. Wer hier spart, beschädigt neben dem Lebensgefühl einer Stadt oder Gemeinde besonders das Vertrauen der Menschen in den Staat insgesamt. Und das Ergebnis sehen wir überall: Bürger:innen fühlen sich von der Politik verraten und wenden sich enttäuscht rechten Populisten zu, die einfache Antworten versprechen.

Kapitalismus im Kurzschluss

Die Debatte in Leipzig zeigt den Kurzschluss eines Systems, das an den falschen Stellen ansetzt. Statt über gerechte Steuerpolitik zu sprechen – über Vermögensabgaben, über stärkere Beteiligung des Bundes an der Finanzierung sozialer Infrastruktur, über eine Umverteilung von oben nach unten – wird im Mikromanagement von Prozentbruchteilen die Zukunft verspielt. 1,5 Millionen bei einem 2-Milliarden-Haushalt – das ist keine Notwendigkeit, das ist verfehlte Ideologie.

Als die Demonstrierenden am Ende direkt ins Rathaus gingen, um eine Petition an den Oberbürgermeister Burkhard Jung zu übergeben, erinnerte das an 1989. Damals wie heute war es der Anspruch auf ein anständiges Leben, der Menschen auf die Straße trieb. Doch der Gegner hat seine Gestalt verändert: Heute tritt er nicht als autoritärer Staat auf, sondern als kalte Haushaltslogik, die Menschlichkeit der Finanzierbarkeit opfert. Letztlich lässt der Oberbürgermeister die Vorhalle des Rathauses durch den Verwaltungsbürgermeister Ulrich Hörning räumen. Schickt seine Bürger:innen wieder zurück in den kalten Wind der realen Marktwirtschaft.

Für eine gerechte Verteilung, gegen Kindheit als Kostenstelle

Die Leipziger Kita-Krise zeigt exemplarisch, wie kaputt das System der Daseinsvorsorge in Deutschland organisiert ist. Kinder dürfen niemals zum Sparmodell degradiert werden. Stattdessen braucht es:

  • eine grundlegende Neuausrichtung der Finanzbeziehungen zwischen Bund, Ländern und Kommunen,
  • entweder ein Recht auf kostenfreie Entwicklung von Kindern und Jugendlichen von Geburt an oder sozial gestaffelte Elternbeiträge statt Kostenfaktor Kind,
  • und eine Abkehr von der kapitalistischen Sparlogik, die Kindheit und Fürsorge zur Variablen degradiert.

Eine gerechte Gesellschaft misst sich nicht daran, wie viel sie spart, sondern wie viel sie investiert – und zwar dort, wo es am meisten zählt: bei den Kindern.

„Wir sind alle gleich geboren in dem Sinne, dass wir alle Menschenwesen sind, die den gleichen eingeborenen Wunsch haben, Leiden zu vermeiden und Glück zu finden.“ (Dalai Lama) – Dieses Zitat ist nicht bloß eine Mahnung, sondern ein politisches Programm. Es erinnert daran, dass Politik, die Kinder als Kostenstelle behandelt, gegen die Grundlagen des Menschseins selbst verstößt.

Doch solange nur 1000 Menschen für 48.000 Kinder aufstehen, bleibt die Stimme zu schwach und bewegt die Politik nicht zum Handeln. Es braucht eine breite Bewegung – für die Kinder, für die Zukunft, für eine Politik, die das Kapital in die Schranken weist und die Daseinsvorsorge ins Zentrum stellt.