Corona IX – Sachsen zündet mit Öffnung von Kitas und Schulen ein Irrlicht

Planungssicherheit © Schwarwel www.schwarwel-karikatur.com
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Die Bundesregierung hat sich durchsetzen können: Lockdown verlängern bis zum 7 März. Die Lage in der Covid-19-Pandemie ist trotz sinkender Infektionszahlen immer noch nicht entspannt. Insgesamt sind 10.237 Menschen an Corona innerhalb von 24 Stunden erkrankt (Stand: 11.2.2021, 00:00 Uhr)1 Der wichtige Inzidenzwert liegt bei 64. Der Richtwert für Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihre Kabinettskollegen. Nur soll er, wenn es nach der Bundesregierung geht, unter 35 sinken, um über allmählichen Lockerungen sprechen zu können. „Die Zahl der Intensivbetten, die belegt sind, ist immer noch 800 mehr als im Maximus des Frühjahrs“, schildet die Bundeskanzlerin die Lage in den Krankenhäusern.2 Und dann haben wir noch 666 Todesfälle von Mittwoch zum Donnerstag zu beklagen. Damit verstarben seit Ausbruch der Pandemie 2020 auf 63.635 Menschen.1

Soweit die Hintergrundzahlen für die Runde der 16 Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten der Länder mit der Bundeskanzlerin am 10. Februar 2021. Die Einigkeit für die Verlängerung des Lockdowns über den 15. Februar angesichts dieser Daten war dahingehend scheinbar sehr einmütig.

Doch eine Entscheidung lag schon vor der Länder-Bund-Gespräche auf dem Tisch. „Sachsen plant den nächsten vorsichtigen Öffnungsschritt. Die Grundschulen und Kindertageseinrichtungen werden zum 15. Februar im eingeschränkten Regelbetrieb wieder öffnen“, verkündete Sachsens Kultusminister Christian Piwarz bereits einen Tag vor der wichtigen Videokonferenz im Bundeskanzleramt. „Im Interesse der Kinder und auch der Familien haben wir uns zu diesem Schritt entschlossen. Wir gehen vorsichtig den nächsten Schritt, müssen aber die Infektionszahlen weiterhin im Blick behalten. Sollten das Infektionsgeschehen wieder zunehmen, können Bildungseinrichtungen auch wieder geschlossen werden“, so der Minister aus Dresden nach der dortigen Kabinettssitzung am Mittwoch.3

„Es ist schon erstaunlich, dass der Freistaat wieder einmal vor der Bund-Länder-Runde seinen kompletten Plan festlegt und damit grundlos vorprescht. Dabei ist Sachsen noch immer eines der Bundesländer mit der höchsten 7-Tage-Inzidenz”, äußert sich Uschi Kruse, Landesvorsitzende der Bildungsgewerkschaft GEW Sachsen zu diesem Schritt der Sächsischen Landesregierung.4

Sachsen wollte trotz hoher eigener Inzidenzzahlen und der Grenzlage zu Tschechien, wo gegenwärtig die Ansteckungszahlen aufgrund der englischen Corona-Mutation sprunghaft steigen, auch mal wieder einen Lichtpunkt im Tunnel der Dunkelheit der Pandemie setzen. Ein Irrlicht wohl gemerkt. Denn wie sieht es in Kitas und Schulen aus? Erzieherinnen und Erzieher stehen sein Beginn des Corona-Ausbruchs ihre Frau oder ihren Mann in den Kindertagesstätten fast genauso wie das medizinische Personal in den Kliniken des Landes. Notbetreuung heißt für die Frauen und Männer, dass sie ohne Schutzausrüstung die Kinder vom Baby- bis zum Vorschulalter betreuen.

„Die Umsetzung von Schutzmaßnahmen, wie Abstand und die strikte Trennung von Klassen bzw. Gruppen, ist gerade bei kleineren Kindern und angesichts der Personalknappheit schwierig bis unmöglich. Zudem soll die Öffnung nun ausgerechnet in der Erkältungssaison erfolgen. Lehrkräfte, Erzieherinnen und Erzieher, die bereits in der Notbetreuung und mit dem Fernunterricht eine große Leistung erbringen, fühlen sich verheizt. Bildung wird von Erzieherinnen und Erziehern und von Lehrerinnen und Lehrern gestaltet. Sie gelingt nur, wenn diese Beschäftigten ausreichend geschützt sind und sicher arbeiten können. Da hilft auch die Momentaufnahme durch einmalige Testung zum Beginn nichts. Dass es seit 10 Monaten nicht gelingt, den Infektionsschutz in Kindertageseinrichtungen landesweit durch anlasslose Tests abzusichern, ist ohnehin ein unerträglicher Skandal”, ergänzt Uschi Kruse von der GEW Sachsen.4

Die Menschen, die sich um das Wohl der Kinder in den einzelnen pädagogischen Einrichtungen kümmern sollen, müssen daher sofort und nicht erst im April in den Impfplan aufgenommen werden. Vorher darf es keine Öffnung von Kitas und Schulen geben. Und dann kann auch mit „Volldampf“ das aufgeholt werden, was innerhalb fast eines ganzen Jahres vernachlässigt werden musste. Denn man darf eines nicht vergessen. Die Kinder und Jugendlichen allen Alters brauchen soziale Kontakte, dass sie sich nicht in der angespannten häuslichen Umgebung, wo die Eltern ihren teils verständlichen Frust auf die Kinder abwälzen, zu egozentrischen Individuen entwickeln. Das wäre perspektivisch gesehen das schlechteste Szenario, das sich in Folge von Corona auf die Gesellschaft auswirken könnte. Die Copsy-Studie6 des Universitätsklinikums Eppendorf in Hamburg (UKE) stellt in diesem Zusammenhang fest: „Die Lebensqualität von Kindern habe sich in der Corona-Krise weiter verschlechtert … Besonders betroffen seien Kinder aus sozial schwachen Verhältnissen und mit Migrationshintergrund.“5

Mehr als 1000 Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 7 und 17 Jahren und mehr als 1600 Eltern wurden online von Mitte Dezember bis Mitte Januar befragt. Es ist nach dem Juni 2020 die zweite Befragung, an der mehr als 80 Prozent der bereits Befragten noch einmal teilnahmen. So konnten die Forscher vom UKE einen Vergleich durchführen, wie sich die Stimmung über diesen langen Zeitraum der Pandemie entwickelt hat.

„Im Vergleich zur ersten Befragung sind die Zahlen gestiegen: 85 Prozent der befragten Kinder fühlen sich laut Untersuchung in der Corona-Krise belastet. Im Juni spürten lediglich 71 Prozent seelische Belastungen. Sieben von zehn Kindern empfinden ihre Lebensqualität als gemindert, bei der ersten Befragung war es noch sechs von zehn Kindern und vor der Pandemie drei von zehn. Ängste und Sorgen haben laut Studie noch einmal deutlich zugenommen“, schreibt Zeit-Online über die Ergebnisse der Studie. „Kinder haben in Zeiten der sozialen Isolation weniger Möglichkeiten, Hilfesignale zu senden“, sagte Jo Ewert, Kinderschutzkoordinator in der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin des UKE.5

Das Kindeswohl darf man nicht vernachlässigen, wenn die Politik über Lockerungen oder Beibehalten von geschlossenen Schulen oder die Notbetreuung in Kitas diskutiert. Doch schon scheint es, dass man wieder in dem Kultusministerium alternativlos kurzsichtig handelt. Man kennt doch die Problemfamilien und sollte sich verstärkt auf diese konzentrieren. Alle verfügbaren Arbeitskräfte von Jugend- und Sozialämtern sowie von den Vereinen und Verbänden der Kinder- und Jugendhilfe sollen unbürokratisch Hand in Hand arbeiten, um das Wohl der Kinder zu schützen. Vielleicht kann man sich auf die vielen pädagogischen Honorarkräfte, die im Lockdown nicht arbeiten dürfen, dafür gewinnen, um über Video oder Telefon mit den Kindern und Eltern in Kontakt zu treten.

Wer hat denn hier, ähnlich wie bei der Öffnung von Friseuren, den sächsischen Entscheidungsträger diesen Wurm mit der vorschnellen Öffnung von Kitas und Schulen ins Ohr gesetzt? Woher kommt plötzlich das große Interesse an dem Wohl der Kinder? Wurden nicht in den letzten Jahren sogar Gelder für Freizeit-, Kultur- und sogar Demokratieprojekte von der Politik gestrichen? In Deutschland leben derzeit bis zu 20.000 Kinder und Jugendliche ganz oder teilweise auf der Straße.7 Wo liegt hier das Interesse der Politik außer in der Feststellung im Armutsbericht der Bundesregierung von 2005!?

Wenn das Kindeswohl für Staatsminister Piwarz ein wirklich so hohes Gut ist, dann sollte er nicht in den Wettbewerb der Öffnung der Kitas und Grundschulen treten und mit seinem Irrlicht im Tunnel funkeln, sondern er sollte einmal in die Einrichtungen gehen und sich vor Ort nach den Bedingungen und den Gefühlen der Erzieherinnen und Erziehern sowie den Lehrerinnen und Lehren erkundigen. Dann wird er erfahren, dass es dem pädagogischen Fachpersonal sehr mulmig ist, wenn sie an den kommenden Montag denken. Ein Öffnungsklausel wird das Signal für die Eltern werden, ihre Kinder wieder in die zulässigen Einrichtungen zu bringen. Dann haben wir vielleicht die Chance, die psychischen Probleme der Kinder und Jugendlichen wieder in den Griff zu bekommen, aber der seelische Druck auf die Betreuerinnen und Betreuern sowie die Angst vor einer Infektion werden damit wachsen. Es ist noch kein Licht am Ende des Tunnels der Covid-19-Pandemie. Das, was Sachsen hier im Alleingang beschlossen hat, kann eher zum Stocken im Corona-Tunnel führen. Hoffen wir nicht, dass die Sächsische Landesregierung hiermit eine dritte Infektionswelle über die Schwelle von Kitas und Schulen herbeiruft.

„Am Ende steht die Öffentlichkeit vor einem Deutungsproblem. Ein politischer Kompromiss – wie aktuell der zu Schul- und Kita-Öffnungen – geht zum Beispiel meilenweit an diversen epidemiologischen Empfehlungen vorbei, gibt zugleich mit dem Verweis auf Fallzahlen und Inzidenzen aber vor, vernünftig zu sein im Sinne von wissenschaftlichen Kategorien. Was nun?“8

Update: 22.02.2021

Die Politik bemüht sich weiterhin, um Argumente zu finden, die die Öffnung von Kitas und Grundschulen rechtfertigen können. Am 22.02.2021 öffnen nun nach Sachsen weitere 10 Bundesländer die Kanäle für die ungehinderte Verbreitung des Corona-Virus in allen neuen Mutationen. Wenigstens denken die Damen und Herren Entscheidungsträger, allen voran Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, darüber nach, die Priorität des Impfstatus der Lehrerinnen und Lehrer sowie Erzieherinnen und Erzieher etwas höher zu setzen.

„Die Gesundheitsminister der Länder haben am Montag beschlossen, dass Erzieherinnen und Erzieher sowie die Beschäftigten an Grund- und Förderschulschulen in die zweite Priorisierungsgruppe hochgestuft werden sollen; bislang sind sie in Gruppe drei. Spahn habe den Ländern zugesichert, diese Änderung ‚in einem Schnellverfahren möglichst bis Mitte dieser Woche‘ in die Corona-Impfverordnung aufzunehmen, sagte der bayerische Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU). Damit könnten diese Gruppen schon im März statt erst im Sommer geimpft werden; in Baden-Württemberg können sie bereits Impftermine ausmachen. ‚Wir müssen Berufsgruppen mit einem besonders hohen Infektionsrisiko schützen‘, sagte Holetschek, dazu gehören Erzieher und Beschäftigte an Grund- und Förderschulen.“9

Es bleibt die Hoffnung, dass dies nicht ein Schritt zu spät ist.

Quellen:

  1. https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Fallzahlen.html
  2. https://www.bundesregierung.de/breg-de/mediathek/bund-laender-konferenz-1852860
  3. https://www.medienservice.sachsen.de/medien/news/246981
  4. https://www.gew-sachsen.de/presse/pressemitteilungen/neuigkeiten/nichts-gelernt-wer-jetzt-schneller-oeffnet-muss-spaeter-laenger-schliessen/
  5. https://www.zeit.de/news/2021-02/10/kinder-leiden-psychisch-stark-unter-corona-pandemie?utm_referrer=https%3A%2F%2Fwww.bing.com%2F
  6. https://www.uke.de/kliniken-institute/kliniken/kinder-und-jugendpsychiatrie-psychotherapie-und-psychosomatik/forschung/arbeitsgruppen/child-public-health/forschung/copsy-studie.html
  7. https://uni.de/redaktion/strassenkinder-in-deutschland
  8. https://www.zeit.de/kultur/2021-02/corona-experten-wissenschaft-christian-drosten-melanie-brinkmann-kritik/komplettansicht
  9. https://www.sueddeutsche.de/politik/coronavirus-angela-merkel-oeffungsstrategie-1.5214460
Weiterführende Texte zum Thema:
  1. https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/perfide-argumente-in-der-lockerungsdebatte-und-ploetzlich-entdeckt-die-politik-das-leid-der-kinder/26933886.html
  2. https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/panorama/psychische-gesundheit-in-der-pandemie-mehr-jugendliche-aeussern-suizidgedanken/26910876.html
  3. https://www.msn.com/de-de/nachrichten/panorama/schulöffnungen-nicht-richtig-offen-nicht-ganz-dicht/ar-BB1dU7qH?ocid=superapp-news
  4. https://depositonce.tu-berlin.de/bitstream/11303/12578/5/kriegel_hartmann_2021.pdf